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26. August 2026von Heinz Glawischnig

Die ARD schaltet ihre Schlagerwellen ab – und was das für deinen Sound bedeutet

Zum 1. Januar 2027 verschwinden drei ARD-Schlagerwellen aus DAB+. Für Künstler, die ihren Sound bewusst auf das öffentlich-rechtliche Radio ausrichten, ist das mehr als eine Randnotiz – es zieht einer ganzen Strategie den Boden weg. Wir haben unsere Airplay-Daten dazu ausgewertet.

Was genau passiert

Die ARD bündelt ihre Schlagerangebote unter dem Dach ARD Schlagerwelt in der Plattform ARD Sounds. Klingt nach Ausbau, ist aber vor allem eine Sparmaßnahme als Folge des Reformstaatsvertrags. Der entscheidende Teil steht nicht in der Überschrift der Pressemeldung: BR Schlager, NDR Schlager und MDR Schlagerwelt werden spätestens zum 1. Januar 2027 als eigenständige DAB+-Programme eingestellt. Das Genre wandert komplett ins Internet – geplant ist ein gemeinsamer linearer Webchannel unter Federführung des MDR, der 2027 starten soll.

Sieben Landesrundfunkanstalten sind beteiligt: MDR, BR, NDR, hr, SR, rbb und SWR. Drei Livestreams laufen schon jetzt über die neue Seite – es sind genau die drei Programme, die danach verschwinden.

Was da an Reichweite umzieht

Wir haben im Juli über die Schlagerradio-Reichweiten der ma 2026 Audio II berichtet. Die Zahlen von damals bekommen jetzt eine neue Bedeutung:

SenderHörer/TagStatus ab 2027
BR Schlager201.000nur noch Web
NDR Schlager118.000nur noch Web
MDR Schlagerwelt80.000nur noch Web
Summe399.000

Fast 400.000 Hörer pro Tag verlieren ihren gewohnten Zugang. Wer bisher am Küchenradio oder im Auto auf DAB+ eine Taste gedrückt hat, muss künftig eine App öffnen. Ein Teil dieser Hörer wird den Weg mitgehen. Ein erheblicher Teil wird es nicht tun – das ist die nüchterne Erfahrung aus jeder Verlagerung von Broadcast ins Netz. Besonders bitter beim MDR: Die Schlagerwelt hatte ihre Tagesreichweite gerade erst mehr als verdoppelt (+110,5 %).

Vom klassischen Radioempfang bleibt im öffentlich-rechtlichen Schlagerbereich damit vor allem eines übrig: hr4.

Der Blick auf hr4 – und warum er ernüchtert

hr4 ist ein Riese. 620.000 Hörer pro Tag, ein Plus von 15,9 % – rein von der Reichweite läge die hessische Landeswelle sogar vor Radio Schlagerparadies. Auf dem Papier ist das der attraktivste Schlagersender Deutschlands.

Nur: Reichweite ist das eine, Zugang das andere. Wir haben ausgewertet, was hr4 in den vergangenen dreieinhalb Monaten von den bei uns überwachten Neuerscheinungen tatsächlich gespielt hat.

Nur 42 Prozent der überwachten Titel schafften es überhaupt ins Programm – zusammen auf 202 Einsätze. Über alle Sender hinweg haben wir im selben Zeitraum 22.878 Einsätze erfasst. hr4 macht davon 0,9 Prozent aus.

Noch deutlicher wird es beim Blick in die Liste:

SongEinsätze auf hr4
Helene Fischer – Heute Nacht71
Maite Kelly – Ein Kuss in Paris60
Die Rodensteiner – Ciao Ciao Amore38
MILLLIONEN – Millionen11
Anita Hofmann – Ganz ehrlich: gefährlich8
Pia-Sophie – Ein Kuss ohne Liebe5
Bianca – Je Sais Pas3
Mirjana – Zeit aus Gold2
Lena Marie Engel – Ab jetzt für immer2
Natalie Holzner – Traumschiff1
Laura & Mark – Ich geb ne Runde Liebe aus1

84 Prozent aller Einsätze entfallen auf drei Titel. Mehr als die Hälfte der gespielten Titel kam über fünf Einsätze in dreieinhalb Monaten nicht hinaus – das ist statistisch kaum von null zu unterscheiden. Und die beiden Spitzenreiter sind Helene Fischer und Maite Kelly, also Namen, die praktisch überall laufen.

Die eine echte Ausnahme sind Die Rodensteiner mit „Ciao Ciao Amore": 38 Einsätze auf hr4, dazu sieben Wochen in der ARD-Schlagerhitparade inklusive Platz 1. Das zeigt: Es geht. Aber es ist der Ausnahmefall, nicht die Regel – und es hat mit dem Sound allein nicht viel zu tun.

Die Rechnung, die viele überrascht

Fasst man alle vier öffentlich-rechtlichen Schlagerstrecken zusammen – die drei DAB+-Wellen plus hr4 –, kommt man in unseren Daten auf 1.157 von 22.878 Einsätzen. Das sind 5,1 Prozent.

94,9 Prozent des Airplays für neue Schlager findet anderswo statt: bei privaten Sendern, bei Webradios, bei den Spartenkanälen. Am aufschlussreichsten ist dabei der Vergleich mit den drei großen privaten Schlagersendern. Sie sind bei der Titelauswahl kaum weniger selektiv als hr4 – sie spielen die ausgewählten Titel aber ungleich intensiver:

SenderEinsätzeØ Einsätze je gespieltem Titel
Radio Paloma942105
Schlager Radio69670
Radio Schlagerparadies71259
hr420218

Wer es bei Radio Paloma in die Rotation schafft, bekommt im Schnitt fast sechsmal so viel Sendezeit wie auf hr4. Das ist der eigentliche Unterschied: nicht ob ein Sender neue Titel spielt, sondern wie ernsthaft. Noch weiter öffnen sich die digitalen Spartensender – RadioMonster.FM hat als einziger Sender überhaupt jeden einzelnen der von uns überwachten Titel gespielt.

Wer seinen Sound also gezielt so anlegt, dass er den öffentlich-rechtlichen Programmen gefällt, optimiert auf ein Fünfundzwanzigstel des Marktes – und zwar auf genau den Teil, der gerade schrumpft.

Und wie sieht es beim Streaming aus?

Hier wird es interessant. Wir haben für ausgewählte Songs ausgerechnet, wie viele Spotify-Streams auf einen einzelnen Radioeinsatz kommen. Das ist ein grober Indikator dafür, wie gut ein Titel außerhalb des Radios funktioniert:

SongSpotify-StreamsAirplayStreams je Einsatz
Helene Fischer – Heute Nacht4.063.3097.842518
Maite Kelly – Ein Kuss in Paris1.520.8415.311286
Pia-Sophie – Ein Kuss ohne Liebe176.803662267
Joelina Drews – Durch und Durch238.5471.008237
Eva Luginger – Heimliche Tränen163.237712229
Die Rodensteiner – Ciao Ciao Amore102.9501.76458

Helene Fischer und Maite Kelly folgen dabei einer eigenen Logik – bei Künstlerinnen dieser Größenordnung trägt der Name das Streaming, unabhängig vom Airplay. Interessant wird das Feld darunter.

Und da ist der Kontrast bemerkenswert. Die Rodensteiner sind mit 1.764 Einsätzen unser Airplay-Spitzenreiter unter den mittelgroßen Titeln – pro Radioeinsatz holen sie im Streaming aber nur gut ein Fünftel dessen heraus, was „Ein Kuss ohne Liebe" schafft. Pia-Sophie kommt mit 662 Einsätzen auf etwas mehr als ein Drittel der Radiopräsenz, liegt im Streaming aber trotzdem deutlich vorn: 176.803 gegenüber 102.950 – bei einem Song, der erst Ende Juli erschienen ist.

Ein fairer Hinweis dazu: Diese Zahl ist kein Beweis, sondern ein Indikator. Promotion-Budget, Playlist-Platzierungen, Bekanntheit der Künstler und der Zeitpunkt der Veröffentlichung spielen alle mit hinein. Aber die Richtung ist über die Titel hinweg konsistent genug, um sie ernst zu nehmen: Was im Radio besonders gut ankommt, ist nicht automatisch das, was im Streaming trägt – und immer öfter ist es sogar das Gegenteil.

Der interessante Mittelweg

Daraus die Empfehlung abzuleiten, jetzt bitte alle auf Dance-Pop umzustellen, wäre zu kurz gesprungen. Der spannendste Ansatz liegt in der Kombination.

„Ein Kuss ohne Liebe" von Pia-Sophie ist dafür ein gutes Beispiel: Text und Songaufbau bleiben nah an dem, was klassische Schlagerhörer erwarten – klare Geschichte, eingängige Hookline, nachvollziehbare Struktur. Der Sound darunter ist aber modern produziert. Das Ergebnis: Der Song findet im Radio statt (662 Einsätze, immerhin fünf davon auf hr4), steht drei Wochen in der ARD-Schlagerhitparade – und funktioniert gleichzeitig im Streaming deutlich besser als die meisten reinen Airplay-Titel.

Das ist der eigentliche Punkt. Es geht nicht darum, konservativ oder modern zu wählen. Es geht darum, die konservativen Stärken – Text, Melodie, Songaufbau – beizubehalten und sie in eine zeitgemäße Produktion zu setzen. Wer das Umgekehrte tut und die Produktion bewusst altbacken hält, um bei bestimmten Sendern durchzukommen, bezahlt dafür an zwei Stellen: beim Streaming sofort, und beim Radio spätestens im Januar 2027.

Was wir daraus mitnehmen

  • Das öffentlich-rechtliche Schlagerradio schrumpft, nicht nur in der Verbreitung, sondern absehbar auch in der Bedeutung als Airplay-Ziel.
  • hr4 bleibt reichweitenstark, ist für neue Titel aber weitgehend verschlossen. 0,9 Prozent unseres erfassten Airplays, 84 Prozent davon auf drei Songs. Als Ziel einer Promotion-Strategie taugt das nicht – als schöner Zusatzerfolg schon.
  • Der Markt für neue Schlager liegt bei den Privaten und im Web. Dort entstehen 95 Prozent des Airplays, und dort wird moderner produzierter Schlager nachweislich breiter gespielt.
  • Streaming belohnt den moderneren Sound – und Streaming ist der Kanal, der wächst, während DAB+-Wellen abgeschaltet werden.

Einen Sound bewusst konservativ anzulegen, um im öffentlich-rechtlichen Radio zu landen, war schon vor der ARD-Ankündigung eine schmale Wette. Ab Januar 2027 wird sie noch schmaler.

Übrigens: Wann das Radio einen neuen Titel überhaupt richtig in die Rotation nimmt – und warum das oft erst Wochen nach dem Release passiert –, haben wir in Die ersten 6 Wochen: Wann ein Schlager-Release zündet ausgewertet.


Wo läuft dein Song wirklich?

Die Zahlen in diesem Beitrag stammen aus unserer eigenen Datenbank – aus dem laufenden Airplay-Monitoring für Songs von Künstlern und Labels, die mit SongMonitoring arbeiten.

Wir überwachen die relevanten Schlagersender für dich und zeigen dir Woche für Woche, wo dein Titel im Airplay auftaucht – zusammen mit Spotify-Streams, Shazams, YouTube-Views, TikTok und Hitparaden-Platzierungen an einem Ort. So siehst du nicht nur, dass deine Promotion läuft, sondern auf welchen Sendern sie ankommt – und ob dein Sound dort landet, wo dein Publikum wirklich zuhört.

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Airplay- und Streamingdaten: SongMonitoring, Erfassungszeitraum 16. Mai bis 26. August 2026, 22.878 erfasste Einsätze über 259 Sender. Simultansendungen von hr4 (hr4 / Nord, hr4 / Mitte) sind über ein Zehn-Minuten-Fenster dedupliziert. Reichweiten: ma 2026 Audio II (AGMA). Quelle zur Programmänderung: ARD-Pressemeldung vom 4. August 2026 zur ARD Schlagerwelt.

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